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5月2日

Wenn die großen Vögel kommen...

Eines Morgens schlich sich Njanu aus dem Zelt seines Großvaters und machte sich auf den weiten Weg in die Stadt, ohne zu wissen wo die Stadt eigentlich ist. Um seinen schlafenden Großvater nicht aufzuwecken ging er auf den Fußspitzen bis er sich entfernt hatte. Njanu schlug den einzigen Weg ein der in die Richtung der aufgehenden Sonne führte. Er war noch nie in der Stadt gewesen. Doch da er von anderen Stammesmitgliedern, die jetzt nichtmehr da waren, mal gehört hatte, dass man in der Stadt alles vorfindet was man zum Leben braucht, hatte Njanu entschlossen sich dorthin zu begeben um Medikamente für seinen kranken Großvater zu besorgen. Nach einer Weile wo die Sonne schon heller über den steinigen Pfad strahlte traf Njanu einen bärtigen Mann mit einem Stock in der Hand der auf einem Felsen saß.

„Hallo, kleiner Mann“, sagte dieser. Njanu war erst Acht. „Wo geht’s denn hin?“.                                     

 „In die Stadt“, bekam der Mann zur Antwort. „Mein Großvater ist krank. Ich bringe ihm Medikamente. Kannst du mir sagen wie ich in die Stadt komme?“

„HaHa“  lachte der Mann. „In die Stadt also. Du bist aber ein tapferer Bursche. Doch ich fürchte ich werde dich nicht gehen lassen kleiner.“

„Wieso denn nicht?“ fragte Njanu.

„Weil du noch viel zu jung bist um so eine weite Strecke zu laufen.“ sagte der Mann.

 „Außerdem ist es zu gefährlich. Siehst du die beiden großen Berge? Hinter diesen Bergen liegt die Stadt. Selbst wenn du es versuchen würdest. Das ist keine Strecke für einen Tag.“

„Aber ich muss dahin.“ erwidert Njanu. „ Mein Großvater ist krank. Ich muss ihn Medikamente bringen.“

„ Was hat denn dein Großvater, Junge?“ fragte der Mann. „Wie konnte er dich nur los schicken? Oder lügst du mich etwa an?“

„ Nein, mein Großvater ist krank. Ich muss mich beeilen. Ich habe mich aus dem Zelt geschlichen. Er schläft.“ Njanu fing an weiter zu laufen während er die letzten Worte noch sprach ohne den Mann weiter zu beachten, doch er drehte sich wieder zu ihm hin als er ihm etwas zurief.

„Wie ist dein Name, Junge?“

„Ich heiße Njanu“, rief der kleine Junge zurück.

„Njanu, sei vorsichtig, Junge“, rief ihm der Mann nochmals zu. „Es ist ein steiniger Weg bis in die Stadt. Hinter diesem Berg wirst du ein Stamm vorfinden. Begib dich dorthin und lege eine Rast ein. Erzähle denen von deinem Vorhaben.“

Njanu ging seinen Weg über Staub und Steine und sein Hals war ausgetrocknet als die Sonne am höchsten stand und er endlich den Stamm erreichte von dem der Mann ihn erzählte.

Njanu lief etwas steil hinunter auf die spielenden Kindern zu, hielt einen bescheidenen Abstand zu denen und wartete bis jemand auf ihn aufmerksam wurde.

„Ich habe Durst“, rief Njanu dann den Kindern zu. „Kann ich von euch etwas zu trinken bekommen?“

Ohne, dass jemand antwortete lief eines der Kinder in hohem Tempo in eines der Zelte, kam mit einer kleinen Schüssel zurück und gab Njanu zu trinken.

„Wo gehst du denn hin?“, fragte eines der Kinder neugierig.

„In die Stadt.“, antwortete Njanu. „Mein Großvater ist krank. Ich muss ihn Medikamente bringen.“

Noch neugieriger standen die Kinder, die aufgehört hatten zu spielen, vor ihm und sahen Njanu aufmerksam an. Am liebsten wären sie mitgegangen.

„Wie ist es so in der Stadt?“, fragten die Kinder. „Stimmt es, dass man dort aus jeder Ecke schöne Musik hört und man da soviel Schokolade essen kann wie man will?“

„Ich bin nie da gewesen.“, antwortete Njanu. „Aber das stimmt. Dort gibt es viele große Häuser und sehr viele Karren die einen anfahren würden wenn man nicht vorsichtig genug ist.“

„Was ist denn da los, Kinder?“, rief der Hirte im vorbeiziehen. Nur vier Schafe liefen vor ihm umher.

„Der Junge möchte in die Stadt.“, erwiderten die Kinder gleichsam. „Er hatte Durst und ich habe ihm zu trinken gegeben.“, rief der anscheinend kleinste von den, der seine Schüssel wieder in der Hand hielt. Der Hirte näherte sich der Bande.

„Junge, du kannst doch so nicht in die Stadt!“, sagte der Hirte erstaunt.

„Sein Großvater ist krank“, antwortete eines der Kinder für Njanu. „Und er will ihm Medikamente bringen.“

Auf die Frage des Hirten wo denn sein Großvater sei antwortete Njanu: „Er schläft gleich hinter dem Berg.“

Nach einem kurzen Grübeln rief der Hirte einen jungen Mann zu sich der damit beschäftigt war einen Steinschleuder zu basteln und befahl ihm den Esel zu holen.

„Ich werde den Jungen ein Stück begleiten“, sagte der Hirte. „Die Schafe finden hier sowieso nichts mehr zu fressen.

Njanu saß nun auf einem Esel und aß Käse und Brot, das ihm der Hirte gegeben hatte und der Hirte ging neben ihm mit seinen wenigen Schafen daher. Stunden vergangen bis der Hirte endlich was zu sagen hatte.

„Bald tritt die Dämmerung ein, Junge. Wir laufen noch ein Stück, dann legen wir Rast ein, an einem Ort wo der Esel und die Schafe was fressen können. Ich werde uns dann Feuer machen. Bei Sonnenaufgang lass ich dich dann wieder allein. Ich muss wieder zurück und werde den Esel leider auch mitnehmen müssen. Die Leute brauchen mich.“

Als Antwort nickte Njanu nur.

Es geschah was der Hirte geplant hatte und er lies am nächsten Morgen den Jungen allein und nahm auch seinen Esel mit. Der Hirte sagte zuletzt: „Medikamente werden unser Volk nicht retten Junge. Doch ich helfe dir, weil ich weiß, dass du Rechtes tust. Selbst wenn du ohne Medikamente zurückkommst, tust du Rechtes. Und selbst wenn du garnichtmehr zurückkommst, tust du Rechtes. Gerne hätte ich dir den Esel da gelassen, doch so ein Esel ist für einen Stamm wichtiger als für den Einzelnen. Möge Gott dich begleiten auf deinem Weg, Junge.“

 

Die Sonne brannte hinter den zwei größten Bergen und Njanu ging darauf zu. Die zwei Berge wurden immer größer und der Junge wurde immer schwächer. Doch er beeilte sich, versuchte immer schneller zu laufen und aß ab und an von dem Käse und Brot, die ihm der Hirte mitgegeben hatte.

Er lief bis die Sonne wieder am höchsten stand und nicht mehr wie eine rote Kugel aussah. Dann hörte er irgendwann das Geräusch eines Pferdes und einer Karre hinter sich.

„Hoo.Hoo“ schrie der alte Mann zu seinem Pferd und zwang ihm auf gleicher Höhe mit dem Jungen anzuhalten. „Was machst du denn hier ganz allein, kleiner Mann?“ fragte der alte Mann mit einem lustigen Grinsen im Gesicht.

„Ich muss in die Stadt. Könnten sie mich vielleicht ein Stückchen mitnehmen?“

„Na klar, Junge“ antwortete der alte, „steig nur drauf, ich muss auch in die Stadt etwas Proviant besorgen.“

Njanu war sehr glücklich den alten getroffen zu haben. Der alte sang ihm bis zu dem Tal der zwei großen Berge sogar einige Lieder vor, was sich für Njanu sehr witzig angehört hatte.

„Dein Name ist also Njanu“, sagte der Alte irgendwann. „Und was willst du in der Stadt tun, Njanu?“

„Mein Großvater ist krank, ich muss ihn Medikamente bringen.“

Sie ritten weiter bis hinter den zwei großen Bergen, die jetzt viel größer waren und Njanu sah von da oben etwas was er noch nie zuvor gesehen hatte. Unendlich viele Häuser die aufeinander gebaut waren, soviele Straßen auf denen sich unendlich viele Karren bewegten. Von da oben sahen die Menschen aus wie Ameisen.

Eine Gefühlsmischung aus Angst und Freude überkam Njanu und sie fuhren steil hinab in die Stadt.

„Was brauchen sie denn an Proviant?“ fragte Njanu den Alten ganz vor Aufregung.

„Zu Essen“ erwiderte der Alte. „Nachdem was vor zwei Nächten passiert ist brauchen wir alle dort in den Bergen viel zu Essen und sauberes Wasser.“

„Sie meinen die großen Vögel oder?“ fragte Njanu.

„Die großen Vögel?“ staunte der Alte. „Achja. Die großen Vögel. Genau. Richtig.“

„Sie haben jeden von uns mitgenommen, hat mein Großvater erzählt“, sagte Njanu.

„ Nur noch mein Großvater und ich sind übrig. Mein Großvater schläft sehr viel. Deshalb muss ich mich beeilen. Bevor er aufwacht. Er meinte ich werde meine Eltern wiedersehen, aber an einem viel schöneren Ort. Bevor er ständig müde geworden ist, hat er mir viele schöne Sachen erzählt. Jetzt schläft er sehr viel. Und ich muss schnell die Medikamente bringen bevor die großen Vögel wieder kommen und uns auch mitnehmen.“

Ganz verwirrt von den Worten des Jungen und Unwissend was er sagen soll, sagt der Alte dann doch: „Wir werden die Medikamente schon besorgen kleiner, mach dir da keine Sorgen. Dann werden wir zusammen zurück in den Bergen fahren. Aber womit willst du denn die Medikamente bezahlen, Njanu?“ fragte der Alte und überraschte damit den Jungen, der nur starr in seine Augen blickte und nicht zu Antworten wusste.

„Na das bekommen wir auch hin“, sagte der Alte dann. „Wir haben hier einige Sachen die wir vorerst verkaufen müssen um damit dann Proviant und Medikamente zu besorgen. Darunter drei goldene Zähne die wir den alten Leuten rausgezogen haben, haha.“ Bei dem letzten Satz lachte der Alte so laut, dass Njanu mit lachen musste.

 

Njanu lag auf der Karre und konnte erst vor Aufregung die Augen nicht zuschließen. Der ganze Lärm der Großstadt, die ganzen Lichter und die hupenden Fahrzeuge. Die brüllenden Männer und die Musik aus jeder Ecke der riesen Bauten.

Njanu solle sich hinlegen, hatte ihm der alte Mann befohlen, bis er die Sachen loswird. Es war schon dunkel. Im Halbschlaf sah Njanu den Alten an der Straße, der mit offenen Händen jeden Menschen ansprach der an ihm vorbeiging und Njanu schlief endlich ein.

 

Am nächsten Morgen war ein ganz anderes Bild zu sehen als Njanu die Augen öffnete.

Das gewöhnliche Bild, das er schon kannte. Sie waren wieder in den Bergen auf dem Heimweg.

„Na kleiner Mann, hehe“ grinste der Alte als er bemerkt hatte, dass Njanu aufgewacht war.

„Wie hat der Herr geschlafen, hehe?“

„Ganz gut.“ Antwortete Njanu. „Doch wir haben zu wenig von der Stadt gesehen.“

„Ach mein Junge, hüte dich vor der Großstadt.“ Sagte der Alte.

„Aber wieso denn?“ fragte der Junge. „Man sagt, dass man in der Stadt ein sehr schönes Leben hat.“

„Die Großstadt ist wie der Alkohol“, sagte der Alte ernst. „Sie ist der Schlüssel zu jeder Schlechtigkeit. Aber wenn du mal groß bist, wirst du das besser verstehen mein Junge. Hier sind die Medikamente für deinen Großvater und was zum Essen bekommst du auch. Die Geschäfte liefen gut, hehe.“

Eine lange Strecke hatten die Beiden zurückgelegt und jedesmal wenn Njanu nach hinten geschaut hatte wurden die zwei großen Berge immer kleiner. Dann irgendwann teilte sich der Weg in Zwei und der Alte musste sich von Njanu trennen.

„Wenn du einmal groß bist Junge“, sagte der alte Mann, „dann wirst du mir vielleicht einmal helfen. Nun sieh zu, dass du deinen Großvater zu Hilfe kommst. Friede sei mit dir kleiner Mann.“ Und sein Pferd ritt davon. Njanu versuchte auf seinem Weg die Worte des alten Mannes zu verstehen und fragte sich wieso er sich vor der Stadt hüten sollte.

Er kam an, an dem Orte wo man ihn zu trinken gab, doch diesmal war niemand zu sehen und deren Zelte waren wie niedergeschlagen. Njanu blieb eine Weile stehen um sich zu vergewissern ob sich vielleicht doch jemand blicken lassen würde doch dies geschah nicht, so folgte er weiter seinen steinigen Weg, noch durstiger und viel schwächer als auf dem Hinweg. Kurz vor der Dämmerung entdeckte Njanu einen bärtigen Mann mit einem Stock in der Hand. Es war derselbe, den er auf dem Hinweg getroffen hatte, doch dieses Mal stand er nur da und Blickte in die leeren Täler hinunter, dann drehte er sich um als er die Schritte des Jungen vernommen hatte.

„Na wen haben wir denn da?“, sagte der Mann. „Bist wieder zurück, und hast sogar die Medikamente dabei. Und das so fix. Du kannst echt stolz auf dich sein, kleiner Mann.“

„Haben sie vielleicht etwas zu trinken?“ fragte Njanu den Mann ganz schwach.

„Nein, leider nicht.“ antwortete der. „Es wird aber nichtmehr weit sein bis zu deinem Zelt.“

Enttäuscht setzt Njanu seinen Gang fort, doch der Mann bat ihm ein Weilchen bei ihm zu bleiben.

Nun saßen sie am Rande des Weges und schauten ruhig auf die Landschaft die langsam mit der Dunkelheit verschwand.

„Ich muss meinen Großvater die Medikamente bringen“ brach Njanu das Schweigen. Er ist bestimmt schon wieder wach und hat starke Schmerzen.“

„Ist dein Großvater verletzt?“ fragte der Mann.

„Ja“ antwortete der Junge. „Er hat sich verletzt als wir vor den großen Vögeln geflüchtet sind.

Sie haben alles zerstört. Dann hat mein Großvater hinter diesem Berg sein Zelt aufgeschlagen. Es ist sonst niemand mehr da.“

„Die großen Vögel also“, murmelte der Mann vor sich hin, so dass ihn Njanu kaum verstand. „Ja, sie haben jeden von uns allein gelassen.“

Njanu stand auf um weiter zu laufen, da gab ihm der Mann seinen Stock in die Hand. „Ich werde es mir bald holen.“ sagte er dabei und schaute weiter in die leeren Täler hinunter.

Nach einer Stunde entdeckte Njanu die weißen Laken des Zeltes seines Großvaters, ging hinein und legte sich, nachdem er getrunken hatte, zu seinem Großvater der weiterhin schlief und Njanu schlief auch sofort ein.

Es kam der nächste Morgen und Njanu wachte als erster auf und war froh wieder bei seinem Großvater zu sein. Er blieb neben ihn sitzen und wollte warten bis er aufwachte. Es vergingen Stunden. Njanu wurde müde, weil er großen Hunger hatte. Noch weitere Stunden vergingen und Njanu versuchte, den Kopf auf Großvaters Schoß liegend, mit aller Kraft die Augen auf zu behalten.

Wieder trat die Dämmerung ein und der Großvater schlief immer noch. Dann tauchte Njanu sein Gesicht zwischen seinen Knien ein und fing an zu weinen. Da öffnete Plötzlich eine Hand das Zelt und es blickte ein bekanntes Gesicht hinein. Es war der Hirte.

„Nu, da hast du ja was du wolltest, kleiner.“ sagte dieser. „Du hast es tatsächlich geschafft.“

„Mein Großvater wacht einfach nicht auf.“  sagte der Junge schluchzend. „Was soll ich tun wenn die großen Vögel kommen? Dann werde ich Großvater aufwecken müssen und er wird Schmerzen haben und er wird dann nicht laufen können. Würde er jetzt die Medikamente zu sich nehmen so könnte er auch wegrennen wenn die großen Vögel kommen.“

„Es gibt keinen Grund zu weinen.“ tröstete ihn der Hirte. „Lass deinen Großvater ruhig schlafen. Er spürt die Schmerzen im Schlaf nicht. Und im Dunkeln greifen die Vögel nicht an. Komm also mit mir, ich werde Hilfe brauchen mit den Schafen.“

„Aber was wird aus Großvater werden.“ sagte der Junge mit Tränen im Gesicht. „ Er wird bald ganz bestimmt aufwachen.“

„Mach dir um Großvater keine Sorgen.“ antwortete der Hirte. „Dein Großvater wird die Medikamente zu sich nehmen sobald er aufwacht. Außerdem können die Vögel nicht so hoch fliegen. Wir sind hier auf der Bergspitze. So hoch schafft es ein Vogel niemals.“

„Darf ich mit den Schafen dann auch aufs Land?“ fragte Njanu.

„Aber sicher“, antwortete der Hirte, „die Schafe gehören von nun an uns beiden. Und soll ich dir mal was sagen. Meine Schafe machen den großen Vögeln Angst. Deshalb werden wir beide jeden Menschen beschützen. Wir ziehen zusammen um die Dörfer und verjagen die großen Vögel. Was sagst du dazu?“

Selbstbewusst stand Njanu auf und ging mit den Hirten mit.

 

 

(Sezgino   01.05.2008)

 

 

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