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11月11日

Die Tage des Geron Zeis´

1.

 

„Er ist ein besonders schwieriger Fall.“ sagt Dr. Kazyl zu seinen Kollegen während beide den Patienten hinter dem Spiegel des Verhörraumes ansehen wie er da so liegt.

„Er fantasiert ständig und nimmt die Ärzte als seine eigene Familie wahr“, sagt der Doktor erstaunt.

„So einen Fall hatten wir noch nie.“

Prof. Hermes denkt sich, dass er schonmal was von einer Familie Zeis gehört habe.

-„Ich würde gern zu ihm eintreten.“, sagt Prof. Hermes als hat er dem Doktor gar nicht zugehört, aber trotzdem neugierig auf die Fantasien des Patienten ist.

-„Ja, bitte“, bittet ihm der Doktor wonach er dem Professor die Tür öffnet.

Als der Professor hineintretet und ein paar laute Schritte hinterlegt, sagt der Patient mit leiser Stimme: „Trete mir nicht zu nah, du hast mich enttäuscht, für Entschuldigungen ist es zu spät“. Doch der Professor tut so als hätte er nichts gehört und setzt sich auf einem Hocker neben den liegenden Patienten, dessen Blicke die ganze Zeit nur an die Decke gerichtet sind.

„Guten Tag Herr Zeis“, grüßt ihn der Professor.

„Mein Name ist Prof. Hermes, ich bin ab heute für sie zuständig“.

-„Niemand ist für mich zuständig“, unterbricht ihn der Patient brüllend und das Genick mit einem Ruck zu den Professor knickend, ehe er seinen Satz vollständig ausgesprochen hatte.

„Ihr alle seid nichts als Enttäuschungen in meinem leben“, fügt er leiser werdend hinzu.

„Du hast mich verletzt, mein Sohn“.

-„Womit habe ich Sie denn enttäuscht?“, fragt der Professor entgegen, als sei er tatsächlich der Sohn des Patienten.

-„Ich hätte mein Leben für dich gegeben“, antwortet der Patient jetzt mit Tränen in den Augen.

„Ich hätte mein Leben für euch geopfert, wenn es euch glücklich gemacht hätte.

Ich habe doch nur für euch gelebt, doch ihr habt mich leiden lassen. Ihr habt mich allein gelassen mit den Schmerzen, die ihr mir zugefügt habt“, sagt er als verliert er seine Kraft zum reden, als rede er jetzt mit sich selbst.

„Verrecken lassen habt ihr mich.“

Von der Trauer des Patienten bedrückt, hockt der Professor noch neben dem Patienten, obwohl er weiß, dass der Patient eingeschlafen ist.

Nach einer kurzen Phase des Schweigens geht er nun zurück hinter den Spionspiegel und befiehlt Dr. Kazyl die Familie des Patienten zu kontaktieren.

 

 

2.

Mit welchem Fuß sollte man aufstehen, wenn keins vom beiden der Richtige ist? , denkt sich Geron, der von seinen vielen Freunden „der weiche Geronimo“ genannt wird, noch im Halbschlaf.

Wenn er an einem Morgen wie diesem aufwacht und verschlafen die Gespräche der Familie unfreiwillig mitverfolgt, die in der Küche geführt werden und die Gespräche manchmal auch um ihn handeln und er sich mal von Brüdern mal von Schwestern anhören muss, dass er zu nichts taugt, verliert er vor Müdigkeit den Überblick und hat dann das Gefühl von Spiegeln umgeben zu sein, so dass er sich dann auf die Füße hebt und als lässt er die Sonnenstrahlen freiwillig durch das Fenster auf sein müdes Gesicht schießen und vor den Strahlen dann doch nicht mehr sicher ist und dazu noch seinen Schatten entdeckt, der sich durch die Spiegelungen vervielfacht, beschäftigt er sich lustlos damit, seinen wirklichen Schatten zu suchen, mit dem er verbunden ist und er sucht als möchte er ein Rätsel oder eine Mathematikaufgabe lösen und dazu erstmal zählen muss wie viele Spiegel und dazugehörige Schatten es gibt.

Er setzt sich verwirrt wieder aufs Bett und reibt sich sein Gesicht, als versucht er die Müdigkeit hinter sich zu lassen. Etwas gereizt ist er auch, denn bevor er von etwas Stillem geweckt wurde, war er tief gesunken in Träumen, wegen denen er nun einen Felsen von Enttäuschung an der Seele trägt.

Als er daran denkt, sich wieder hinzulegen um sich einfach nur zu entspannen, kommt die Mutter ins Zimmer, spricht Geron an als sei er ein Baby und verlangt nach seiner Wange um ihn einen Kuss zu geben.

Mindestens einmal am Tag bekommt er so einen Kuss zu spüren der ihn auffüllt mit Schuldgefühlen und mit einem Gewissen mit dem er, wäre es den ganzen Tag so, nicht weiter leben könnte.

Ein unschuldiger Kuss von ihrer Liebe geleitet, der bei ihm jedoch Schmerzen hinterlässt.

Meine Eltern leben doch noch, denkt er sich. So habe ich noch eine Chance glücklich zu überleben.

„Doktor Kazyl hat angerufen,“ sagt die Mutter plötzlich während sie schon damit beschäftigt ist das Zimmer aufzuräumen.

„Zu den Besuchszeiten deines Vaters möchte er sich mit dir Unterhalten.“

Während die Mutter mit ihm spricht, schaut er aus dem Fenster und entdeckt den furchteinflössenden Jungen, der an dem Straßenrand steht und, als hätte er keine andere sicht, in Gerons Richtung schaut.

Schweigend begibt sich Geron dann in die Küche, wo er auf seine beide Schwestern trifft, die für ihn schon eine Schüssel heiße Suppe auf den Tisch gelegt haben.

Die große Schwester hat sie gekocht.

Die Suppe riecht nach Trauer, denkt sich Geron nachdem er sich schon hingesetzt hatte. Er merkt, dass die kleine Schwester von dem traurigen Geruch wohl nichts mitbekommt, weil sie erkältet ist.

Zugleich zu dem ersten Löffel überkommt ihn ein Schauer, so dass er die Suppe erst garnicht schmeckt.

Die Blicke der älteren Schwester, die die meiste Zeit am rumwühlen ist, treffen sich mit Gerons Blicke wozu er dann fragt:

„Schwester, hast du die Suppe denn aus deinen Tränen gekocht?“

Die Schwester bleibt stehen und man merkt ihr ihre Nervosität auf einmal an.

-„Ja lieber Bruder, bitte verzeih“, bittet sie bedrückt um Verzeihung.

„Die Suppe habe ich nur für dich gekocht, du solltest darin eigentlich viel Glauben schmecken.“

-„Was soll ich dir denn verzeihen Schwester?“, fragt er sie tröstend.

„Weißt du denn nicht, dass es die Liebe ist, die Gott in deinem Herzen gelegt hat?“

Als er zur kleinen Schwester hinschaut fragt er sich, ob sie wirklich erkältet ist…

 

3.

 

„Seit meiner Reife habe ich meinen Vater nur in Anstallten oder Krankenhäusern erlebt“, antwortet Geron auf die Frage von Prof. Hermes, wie seine Beziehung zu seinem Vater sei.

„Deshalb hatte ich nie eine gute Beziehung zu ihm.“

-„Wie waren denn die Besuchsmöglichkeiten, haben sie ihren Vater oft genug besucht?“

-„Ich durfte ihn nicht oft besuchen und ich habe es nicht immer getan, wenn ich es durfte.“

-„Wieso nicht?“ fragt der Professor als versucht er Geron etwas vorzuwerfen.

-„Ich wollte oder konnte nicht immer zusehen, wie man ihn in den Anstallten behandelt.

Ich bin vor dem Gefühl, das ich bekam wenn ich ihn sah, weggelaufen.“

-„Haben sie denn kein schlechtes Gewissen?“

-„Gewissen gab es immer, schlechtes gehört nun mal dazu in meinem Leben.

Ich liebe meinen Vater, doch wie kann ich ihm dies zeigen wenn ich kaum Zugang zu ihm hatte oder habe? Ich verbringe unzählige Stunden damit, darüber nachzudenken wie ich ihn nachhause holen kann, wo ich mich jederzeit zu ihm setzen und mich mit ihm unterhalten kann. Habe aus diesem Grund jahrelang meine Arbeit vernachlässigt. Ein schwacher kleiner Junge war ich anfangs, nun weiß ich damit umzugehen und ich trage die Hoffnung in mir meine künstliche Vision zu verwirklichen.“

-„Was ist das für eine Vision, die sie haben?“

-„Sie unterhalten sich mit meinem Vater. Er ist derjenige, der hier eingesperrt ist und sie sind die Person die herauszufinden hat, wieso er hier ist. Wenn sie das Problem gelöst haben und mein Vaters Visionen, die vielleicht der Grund dafür sind, dass er hier ist, kennen lernen, dann werden sie ihre Frage selbst beantworten können.“

-„Sie scheinen ihren Vater gut zu kennen, obwohl Sie ja, wie Sie vorgaben, nicht viel mit ihm zu tun hatten. Wie erklären Sie sich das?“

-„Aber Herr Professor, er ist doch mein Vater.“

 

Als Geron sich, nach dem Gespräch mit dem Professor, aus der Anstallt begeben will und nachdenklich die Fluren entlanggeht, bleibt er plötzlich auf der Stelle stehen, weil er den „Versager“ getroffen hat, der Junge aus seiner Umgebung, der mit scharfen Blicken in Gerons Richtung sieht während zwei Männer in weißen Kittel ihn abführen und dann in eines der Räume einbiegen. Furcht kommt über Geron, wenn er sich die Blicke des Jungen vorstellt.

Geron beachtet Dr. Kazyl, der aus demselben Raum gekommen ist, indem die Männer den unheimlichen Jungen hingeführt haben, und er kommt ihn entgegen während er Papiere, die er in der Hand hält, durchwühlt. Grad´  wo Geron den Doktor auf gleiche Höhe erwischen und ihn nach dem Jungen befragen will, ruft hinter ihm Prof. Hermes nach ihm so, dass er sich umdreht und der Doktor an ihn vorbeigeht und entwischt.

Der Professor tretet Geron zu ungewöhnlich nah und fragt ihn fast flüsternd: „Würden sie sich denn ändern können, wenn ihr Vater ihnen verzeiht, dass sie ihn allein ließen?“

 

                                        4.

 

Wieder wacht er an einem Geschmacklosen Morgen auf und verfolgt wieder im Halbschlaf die Gespräche der Familie mit, die von der Küche kommen als träumt er grade von einem Streit. Wieder ein Tag von Gottes Tagen, an dem er das Gefühl hat von Spiegeln umgeben zu sein, so dass er sich wieder auf die Füße hebt um die Sonnenstrahlen freiwillig auf sein müdes Gesicht schießen zu lassen. Die Suche nach seinen wirklichen Schatten beginnt.

Der bekannte Film spielt sich in seinem Kopf ab. Wieder versucht er die Spiegelungen und die Schatten aufzuzählen um sie vom Echten trennen zu können. Es fehlt ihm nur noch ein Stift, ein Stück Papier und vielleicht noch ein Taschenrechner, doch wieder kommt er nicht zum Ende und er gibt auf, wonach er sich dann aufs Bett schmeißt um sich zu entspannen.

Seine Zeit wird knapp, denkt er sich. Es muss so langsam was geschehen.

Der Professor hat ihn zum nachdenken gebracht.

Geron ist in seinen Gedanken vertieft und wiederholt die Frage die ihm der Professor auf dem Flur in der Anstallt gestellt hat.

Würde ich mich ändern können, wenn mein Vater mir verzeiht?

Auch wenn er ihm nichts schuldig ist, so ist er doch alt und gekränkt, denkt er sich.

Habe ich wirklich die Kraft dazu?

Mit solchen Gedanken verfällt Geron fast in den Schlaf, doch dann stürmt die kleine Schwester ins Zimmer wonach er sich verschreckt aufhebt.

„Komm essen“, wird ihm befohlen.„Es ist gleich zwei.“

 

Während die kleine Schwester und Geron am Tisch sitzen und aus vielen verschiedenen Milchprodukten zu sich nehmen, dazu eine heiße Tasse Tee, wühlen die Mutter und die große Schwester wieder in den Schränken, putzen sie und schwatzen und petzen nebenbei, wobei man sagen kann, dass sie dies hauptsächlich tun, über Freunde und Feinde, wobei man dazu sagen kann, dass sie an jeder bekannten Person etwas negatives finden, worüber sie sich dann einig unterhalten.

Geron denkt dabei an seinen kurzen Traum vorhin als er sich erneut hinlegte.

Es war wieder der Junge, der von jedem als Versager bezeichnet wird.

Wieso taucht er in Gerons Träumen auf, was hat das zu bedeuten?

Geron begegnet den Jungen jeden Tag und meistens wird er von den Leuten nur blöd ausgelacht oder angemotzt. Und was hatte er neulich in der Anstallt zu suchen?

Geron muss immer an seine scharfen Blicke denken und er kann seine Furcht vor den Jungen einfach nicht erklären, die bei den Gedanken an ihn über ihn kommt.

Geron lässt sein Teeglas halbvoll liegen und geht in sein Zimmer, was kein richtiges Zimmer ist, sondern ein Raum mit vier Wänden, einem Schrank, ein Schreibtisch, ein Bett und alles andere für das woanders kein Platz gibt.

Er möchte sich einfach nur hinlegen und an gar nichts denken. Er möchte das Gefühl kennen lernen, wie es ist, wenn man nichts zu bedenken hat.

Doch dann gibt’s ein Streit zwischen den beiden Schwestern.

Es ist wie im Theater, denkt sich Geron, aber nur, dass man es nicht mit den Augen sieht, sondern in Gedanken. Würde man das Gedankliche weglassen, wäre es wie ein Radio, nur schade, dass man die Lautstärke nicht einstellen kann, denn er würde sich jetzt gerne entspannen, nichts lieber als das.

Er legt sich wieder auf den Rücken mit den Blicken an die decke gerichtet, als bräunt er sich in der Sonne, versinkt wieder in Gedanken, die sich fast zu Alpträumen wandeln. Als er die Kraft verliert seine Augen aufzulassen, öffnet er sie doch plötzlich weit auf als er auf einmal Schritte im Zweivierteltakt  hört, von deren Laute man hört, dass es elegante Schuhe sind, vielleicht aus Italien. Hartes Kunststoff was auf hartem Boden knallt und immer lauter werden, wovon man auch so ausgehen kann, dass die Schritte immer näher kommen. „Guten Tag Herr Zeis. Mein Name ist Professor Hermes, ich bin ab heute für sie zuständig.“

 

 

 

(Sezgino           11.05)

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